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Glücklicherweise sind die meisten Insektenstiche zwar schmerzhaft, aber nicht bedrohlich. Es können jedoch auch gefährliche allergische Reaktionen auftreten. Dieses Kapitel informiert über Symptome, Diagnose und Therapie von Insektengiftallergien.
Die fünfjährige Elvira spielt bei herrlichem Wetter draußen im Garten auf der Wiese. Sie ist durstig und holt sich von der Mutter ein Glas Apfelsaft. Nach kurzer Zeit hört Elviras Mutter ein lautes Schreien im Garten. Elvira kommt ins Haus gerannt. Sie hat eine dicke Unterlippe. Die Mutter kann von Elvira noch erfahren, dass ein Insekt herumgeflogen sei und sich auf das Apfelsaftglas gesetzt habe. Plötzlich habe die Unterlippe heftig geschmerzt. Dann fängt Elvira an, sich überall zu kratzen und die Mutter entdeckt am ganzen Körper rote Flecken.
Die Mutter ruft bei der Kinderärztin an und diese gibt die Anweisung, sofort in die nahegelegene Praxis zu kommen. Dort erhält Elvira ein Antihistaminikum und ein Kortisonpräparat. Elvira wird mit dem Krankenwagen in die Kinderklinik gebracht. Die Symptome bilden sich zum Glück innerhalb der nächsten Stunden zurück. Elvira muss jedoch zur Sicherheit noch bis zum nächsten Tag bleiben.
In Mitteleuropa kommen hauptsächlich die Honigbiene (Apis mellifica) und die Wespe (Gattung Vespula) als Auslöser von bedrohlichen Insektengiftallergien in Betracht. Allergieauslöser ist das jeweilige Insektengift. Zwischen Wespengift und Hornissengift können Kreuzallergien bestehen. Ebenso zwischen dem Gift der Bienen und Hummeln, wobei Hummelstiche sehr selten sind. Die Honigbiene hat einen behaarten Körper und braunen Hinterleib, der Körper der Wespe weist eine schwarzgelbe Bänderung auf. Die Zusammensetzung des Bienengifts ist auf der ganzen Erde dieselbe, das Wespengift kann auf verschiedenen Kontinenten unterschiedlich sein. In fremden Ländern kann es jedoch zu Kreuzreaktionen z.B. mit Ameisengift kommen.
Insektengifte bestehen aus unterschiedlichen Bestandteilen. Einige Substanzen setzen direkt Histamin frei und bewirken auch bei Nichtallergikern örtliche Reaktionen. Eiweißbestandteile sind für die eigentlichen allergischen Reaktionen verantwortlich.
Die Häufigkeit von Insektengiftallergien mit Allgemeinreaktionen (= Reaktionen, die von der Stichstelle entfernt auftreten) liegt zwischen 0,8% und 5%, und dürfte bei Kindern bei ca. 1% liegen. Verstärkte Lokalreaktionen (= örtliche Reaktionen im Bereich der Einstichstelle) sind mit 10 bis 20% wesentlich häufiger.
Andere Insekten wie Mücken, Bremsen und Schnaken können zwar auch starke, zum Teil über Tage anhaltende Schwellungen an der Einstichstelle verursachen. Dabei handelt es sich jedoch um eine von Person zu Person sehr unterschiedliche toxische Reaktion des Giftes, zum Teil sind auch immunologische Mechanismen beteiligt. Allergische Allgemeinreaktionen gegen diese Insekten sind extrem selten.
Die Reaktionen auf einen Insektenstich werden je nach Schweregrad eingeteilt in:
Die überwiegende Anzahl der Allgemeinreaktionen sind echte allergische Reaktionen, das heißt es werden Allergieantikörpern gebildet, welche zur Freisetzung von körpereigenem Histamin und anderen Mittlersubstanzen der allergischen Reaktion mit zum Teil lebensbedrohlichen Reaktionen führen. Es lassen sich im Haut- oder Bluttest Allergieantikörper gegen das jeweilige Insektengift nachweisen.
Toxische Reaktionen entstehen durch eine direkte Wirkung großer Mengen des Insektengiftes. Es wird geschätzt, dass bei einem Erwachsenen wohl mehr als 50 Stiche notwendig sind, um eine toxische Allgemeinreaktion auszulösen. Ein Kleinkind kann jedoch schon bei einer erheblich geringen Anzahl reagieren. Gefährliche toxische Reaktionen sind selten. Bei toxischen Reaktionen lassen sich keine Allergieantikörper nachweisen.
1) Anamnese
Für die Diagnosestellung sind für den Arzt folgende Angaben wichtig: In welchen Körperteil hat das Insekt gestochen? Bei Stichen im Kopf- oder Halsbereich ist das Risiko schwerer Reaktionen größer. In welchem zeitlichen Ablauf haben sich welche Symptome gezeigt? Wie hat das Insekt ausgesehen? Ist ein Stachel zurückgeblieben? Nach einem Bienenstich bleibt der Stachel meist in der Haut stecken, was jedoch kein absolut sicheres Unterscheidungsmerkmal zwischen Bienen- und Wespenstichen ist. Bienenstiche kommen besonders häufig im Frühjahr und Frühsommer vor, Wespenstiche im Sommer und Herbst.
2) Allergietestung
Nach jeder leichten und schweren Allgemeinreaktion nach einem Bienen- oder Wespenstich muss eine Allergietestung erfolgen. Durch eine allergische Reaktion werden die allergieauslösenden IgE-Antikörper verbraucht und können unmittelbar nach dem Ereignis unter Umständen nicht mehr nachgewiesen werden. Daher wird die Testung etwa vier Wochen nach dem letzten Stich durchgeführt. In der Zwischenzeit wird eine Notfallapotheke (siehe unten) verordnet, um bei eventuellen erneut auftretenden Stichen sofort Gegenmaßnahmen treffen zu können. Mit Bluttests (RAST) und Hauttests (Pricktest, Intrakutantest) wird nach Allergieantikörpern gefahndet. Es muss geklärt werden, ob Allergieantikörper vorhanden und gegen welches Insekt sie gerichtet sind. Zusammen mit der Vorgeschichte wird dann das Risiko schwerer Reaktionen auf weitere Stiche abgeschätzt und die Therapie festgelegt. In besonderen Fällen führen manche Kliniken zur Risikoabschätzung auch Provokationsstiche mit lebenden Insekten durch.
1) Insektenstichen vorbeugen
Folgende Maßnahmen sollten zur Vermeidung von Insektenstichen ergriffen werden:
2) Maßnahmen nach einem Insektenstich
Anwendung der Notfallapotheke:
3) Hyposensibilisierung
Bei einer Hyposensibilisierung (siehe auch
Kapitel 13) wird mit
einer Erfolgsquote von über 90% das allergieauslösende Gift in steigender
Dosis unter die Haut gespritzt, bis der Körper nach einer gewissen Zeit nicht
mehr auf das Insektengift reagiert. Bei schweren Allgemeinreaktionen mit Nachweis
von Allergieantikörpern ist dies die Therapiemethode der Wahl. Bei leichten
bis mittelschweren Allgemeinreaktionen wird hyposensibilisiert, wenn zusätzliche
Risikofaktoren wie eine Imkerei in der Umgebung vorliegen oder Probleme bei der
Anwendung der Notfallapotheke bestehen. Die Dauer der Hyposensibilisierung beträgt
3 bis 5 Jahre. Bei Behandlungsbeginn während der Bienen- oder Wespensaison
wird die Hyposensibilisierung als Schnellhyposensibilisierung unter stationären
Bedingungen begonnen, um möglichst rasch eine schützende Wirkung zu
erzielen. Danach wird die Behandlung ambulant weitergeführt. Je jünger
ein Kind ist, desto besser ist jedoch die Chance, dass sich die Allergie wieder
verflüchtigt. Bei Kindern mit leichten Allgemeinreaktionen wird daher in
der Regel unter dem Schutz einer Notfallapotheke und jährlichen Kontrollen
des Allergietests zunächst der weitere Verlauf abgewartet.
In Deutschland sind hauptsächlich Bienen und Wespen, nur selten Hummeln und Hornissen Auslöser von Insektengiftallergien. Eine Rötung und Schwellung im Bereich der Einstichstelle (Lokalreaktion) ist harmlos. Ist diese größer als 10 cm, liegt eine verstärkte Lokalreaktion vor. Gefährlich sind Allgemeinreaktionen in Form von Nesselausschlag, Gesichtsschwellungen, Atemnot und Kreislaufproblemen. Hier muss auf jeden Fall eine Allergiediagnostik erfolgen. Ist aufgrund der Vorgeschichte und der Allergietestung mit weiteren Allgemeinreaktionen zu rechnen, wird eine Notfallapotheke verordnet, um im Bedarfsfalle rasch handeln und Schockreaktionen abfangen zu können. Die Hyposensibilisierung ist nach schweren Allgemeinreaktionen die Therapiemethode der Wahl. Je jünger ein Kind ist, desto besser ist jedoch die Chance, dass sich die Allergie wieder abschwächt. Bei Kindern mit leichten Allgemeinreaktionen wird daher in der Regel unter dem Schutz einer Notfallapotheke und jährlichen Kontrollen des Allergietests zunächst der weitere Verlauf abgewartet.